Camp Finkenschlag

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Das Camp Finkenschlag war in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg ein eigener Bereich im heutigen Fürther Stadtteil Schwand, in dem viele jüdische Vertriebene eine vorübergehende Unterkunft fanden, um dann in andere Länder umzusiedeln. Das Camp Finkenschlag war mit einem Zaun umfriedet. Der Zugang erfolgte über ein bewachtes Haupttor. Deutschen war der Zutritt in der Regel verwehrt.


Am 18. Mai 1945 wurden die ersten amerikanischen Soldaten in den Finkenschlag einquartiert. Die Bewohner mussten von jetzt auf gleich ihre Wohnungen verlassen. Allerdings sollten die etwa 100 Wohnungen schon im Juli wieder freigegeben werden. Dem war aber dann nicht so. Im folgenden Winter wurde dann ein zweites Mal versprochen, dass die ursprünglichen Bewohner bald wieder einziehen könnten. Aber auch das geschah nicht. Im folgenden Frühjahr bestand sogar die Gefahr, dass die gesamte Arbeitersiedlung der Baugenossenschaft Eigenes Heim von der US-Militärregierung beschlagnahmten würde. Letztendlich blieb es dann aber bei den Häusern im Finkenschlag als einziger Straße. Zwischen 1946 und 1949 entstand im Finkenschlag eine autonome jüdische Gemeinschaft auf Zeit. In diesem Camp Finkenschlag wurden für einige Jahre bis zu 800 jüdische Heimatlose untergebracht, sogenannte Displaced Persons (DPs), entwurzelte, verschleppte Menschen.

Holocaust-Memorial, 1947 im Camp Finkenschlag errichtet, heute auf dem Neuen Jüdischen Friedhof

Jedes Jahr bestimmten die Bewohner in demokratischen Wahlen ihre politische Führung, das Komitee. Ähnlich wie eine Stadtverwaltung regelten der Vorsitzende und seine Mitarbeiter das Alltagsleben im Camp. Es wurden Volks- und Berufsschulen eingerichtet, das Kulturamt organisierte Konzerte, Theatervorführungen und schuf eine Bibliothek, der Sportverein Makabi Fürth spielte in der jüdischen Fußball-Liga etwa mit Kadima Schwabach, Hapoel Ansbach sowie Hakoach Hof um die Meisterschaft. Für die frommen Juden wurden eine Synagoge, ein Ritualbad, eine koschere Küche und eine Religionsschule eröffnet. 1947 errichtete man auf dem Camp ein Denkmal für die Holocaust-Opfer, das 1949 auf den neuen jüdischen Friedhof an der Erlanger Straße verlegt wurde.[1]

Das Camp Finkenschlag wurde vom Komitee-Vorsitzenden Emil Kroo geführt. Der 1917 im tschechischen Städtchen Munkacs Geborene hatte als Zwangsarbeiter in Ungarn überlebt und konnte sich nach der Befreiung in die jüdischen Auffanglager der US-amerikanischen Besatzungszone Deutschlands flüchten. Auf seine Initiative hin wurde in einer Forchheimer Textilfabrik eine Weberei für die Juden vom Finkenschlag eröffnet. Rund 60 jüdische Lehrlinge aus dem Fürther Lager erlernten dort das Weberhandwerk. Daneben wurden im Lager verschiedene handwerkliche Lehrgänge angeboten, etwa für Chauffeure, Näherinnen und Automechaniker. Mit einer Berufsausbildung erhöhten sich für die jüdischen DPs die Chancen auf eine Einreiseerlaubnis in die klassischen Emigrationsländer. Für nicht wenige begann ein neues Leben in Australien, den USA oder in Kanada, für die meisten aber im neu gegründeten Staat Israel. Emil Kroo zog nach Schließung des Camps über einen Zwischenaufenthalt in New York in die kanadische Provinz Quebec.[2]

Das Camp wurde im Sommer 1949 aufgelöst, die Häuser wurden nach Renovierungsarbeiten an die früheren Eigentümer zurückgegeben. Ein Teil der jüdischen Bewohner blieb aber in Fürth und wurde in die hiesige Gemeinde aufgenommen.[3] Zusammen mit den überlebenden oder aus der Emigraton zurückgekehrten Juden bildeten die Bewohner vom Finkenschlag die Keimzelle der jüdischen Nachkriegsgemeinde in Fürth.

Schwierige Rückgabe[Bearbeiten]

Im Juli 1949 war bekannt geworden, dass die Wohnungen nach vier Jahren wieder den wartenden Besitzern übergeben würden. So konnte man das 40-jährige Jubiläum der Baugenossenschaft Eigenes Heim am 17. Juli 1949 im Rahmen der Eigen-Heimer-Kärwa mit doppelter Freude begehen. Allerdings erschreckte Ende August die Nachricht, dass die Wohnungen weiter beschlagnahmt bleiben und für amerikanische Familien verwendet werden sollten. Stadtrat Hans Rupprecht fuhr daraufhin mit Oberbürgermeister Hans Bornkessel zum US-Armee-Hauptquartier nach Heidelberg, um dort zu verhandeln. Weitere Unterredungen fanden mit dem Chef des Military Post Nürnberg General David L. Ruffner statt. Auch der Vorstand der Baugenossenschaft, Landtagsabgeordnete und sogar der Bayerische Ministerpräsident setzten sich für die deutschen Familien ein. General Ruffner zeigte Verständnis und so erfolgte am 15. September die endgültige Freigabe der Wohnungen. Das Besatzungskostenamt gewährte sogar eine Entschädigung von 100.000 DM. Noch einmal kam Unruhe auf, als eine US-Prüfungskommission in Heidelberg die Unterbringung von sogenannten Valka-Flüchtlingen in der Tschechoslowakei in Erwägung zog. Nur dem raschen Eingreifen des Genossenschaftsvorstands und Offizieren des Military Post war es zu verdanken, dass die Freigabe endgültig blieb.

Sofort wurden neue Herde, Öfen und Badeeinrichtungen beschafft, Wohnungen getüncht und desinfiziert. In den Kellern fanden sich, nach Angaben von Architekt Fels, diverse Schlupflöcher, unterirdische Gänge, auch Bäder und Wasserbecken, die als "Karpfenteiche" benutzt worden waren. Viele Wohnungen waren zweckentfremdet worden. So kamen auf die Besitzer und die Genossenschaft hohe Kosten für die Renovierungen zu. Schließlich konnte aber sogar das Jugendheim, das in der Zeit der Beschlagnahme als Lagerschuppen gedient hatte, wieder reaktiviert und sogar vorübergehend als Schulzimmer für die 2. Klassen genutzt werden.

Lokalberichterstattung[Bearbeiten]

  • F. G.: DP-Lager Finkenschlag geräumt. In: Fürther Nachrichten vom 2. Juli 1949 (Druckausgabe)
  • Finkenschlag erneut beschlagnahmt. In: Fürther Nachrichten vom 29. August 1949 (Druckausgabe)
  • "Eigenes Heim" hofft auf Verständnis. In: Fürther Nachrichten vom 5. September 1949 (Druckausgabe)
  • Finkenschlag doch freigegeben. In: Fürther Nachrichten vom 17. September 1949 (Druckausgabe)
  • D. H.: Nach 4 Jahren wieder im "Eigenen Heim". In: Fürther Nachrichten vom 16. Dezember 1949 (Druckausgabe)
  • Jim G. Tobias: Eine jüdische Stadt in Fürth. In: Fürther Nachrichten vom 28. August 2019 (Druckausgabe) bzw. Camp am Finkenschlag: Eine jüdische Stadt in Fürth. In: nordbayern.de vom 31. August 2019 - online abrufbar
  • Johannes Alles: Camp Finkenschlag. In: Fürther Nachrichten vom 30. April 2020 (Druckausgabe)

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

  • Nürnberger Institut für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts: Jüdisches DP-Lager Finkenschlag

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. TracesofWar
  2. Jim G. Tobias: Eine jüdische Stadt in Fürth. In: Fürther Nachrichten vom 28. August 2019
  3. Nachrichten für den jüdischen Bürger Fürths im August 1949

Bilder[Bearbeiten]