Containerschiff "Fürth"

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Das Containerschiff MS "Fürth" (heute: Asiatic Neptune) wurde im April 2007 durch die Fürther Landrätin Dr. Gabriele Pauli in Istanbul getauft und im Juni 2007 von der "MS Fürth Schiffseigentums GmbH & Co. KG" übernommen. Die MS Fürth heißt seit einiger Zeit "Asiatic Neptune" und fährt unter der Flagge Singapurs. Der Hamburger Insolvenzverwalter Reimer hatte das Schiff Ende Januar 2016 an die Reederei Asiatic Lloyd verkauft.[1]

Werbung für den Fonds[Bearbeiten]

Die Sparkasse Fürth brachte anlässlich der Feierlichkeiten zum 1000-jährigen Bestehen der Stadt Fürth im Jahr 2007 einen sog. "Exklusivfonds" auf den Markt, bei dem Anlieger sich Anteile an der MS Fürth kaufen konnten. Prominentester Werber für den Fonds war Oberbürgermeister Dr. Thomas Jung, der nach Angaben der Presse selbst Anteile an dem Schiff erworben hatte.[2] Die Fürther Nachrichten schrieben 2007: "Fürth feiert – feiern Sie mit!, heißt es in einem Werbeprospekt, auf dem nicht nur das Sparkassenlogo prangt, sondern auch das städtische Jubiläumslogo „1000 Jahre Fürth“. Rathauschef Thomas Jung schreibt in seinem Grußwort von einem „sicherlich lukrativen Vorhaben“. Der damalige Vorstand Rainer Heller erklärt, warum die Sparkasse Fürth ihren Kunden einen Schiffsfonds nahelegt: Die Heilquellen, der Main-Donau-Kanal, die drei Flüsse – das Geschäftsgebiet der Sparkasse sei stark von Wasser geprägt. Heller wirbt: „Wir bieten allen weltoffenen und unternehmerisch denkenden Anlegern die Chance, am seit Jahrzehnten wachsenden Welthandel mitzuverdienen.“

Finanzierung[Bearbeiten]

Das Finanzmodell sah vor, dass der Eigentümer das Schiff an Reedereien vermietet und dessen Mieteinnahmen (Charterraten) nicht nur die Betriebskosten decken sollten, sondern auch die Zinsen und die Tilgung bzw. die Rendite der Anleger. Die Fürther Anleger hielten ca. 50 Prozent des Eigenkapitals im Fonds. Hierzu sammelte die Sparkasse Fürth in der Folge 178 Anleger mit 2,36 Mio. Euro. Die restlichen 50 Prozent steuerte der türkische Partner aus der Turkon Gruppe bei. Die türkische Firma war am Bau der MS Fürth beteiligt und übernahm anschließend die Geschäftsführung der Fondsgesellschaft.[3] Das Fremdkapital wurde beim weltgrößten Schiffsfinanzierer aufgenommen, der HSH Nordbank.

Insolvenz[Bearbeiten]

Kurz nach dem Start nahm die allgemeine Finanzkrise ihren Anfang, die sich später zu einer Weltwirtschaftskrise weiterentwickeln sollte und auch vor den Fonds der Schifffahrt keinen Halt machte. Mit der Abnahme der Handelsströme auf dem Weltmarkt nahm auch die Nachfrage nach Frachtraum für Handelsschiffe drastisch ab, sodass es zu einem Überangebot von Frachtraum kam, was sich wiederum ebenso drastisch auf den Charterraten auswirkte. In Spitzenzeiten lag die Tagesmiete bei 18.000 Dollar, im langjährigen Durchschnitt bei 10.500 Dollar. Nach der Krise war die Tagesmiete 2009 auf 4.300 Dollar gesunken. Erst langsam konnten sich die Preise wieder erholen, im Jahr 2015 war die durchschnittliche Tagesmiete bei ca. 8.000 Dollar.[4] Die Preise stiegen, aber für den Eigentümer kamen die Steigerungen zu spät. Somit lief der Fonds von Anfang an nur sehr schleppend und nach nur sieben Jahren musste der Betreiber im Sommer 2014 die Insolvenz anmelden. Der Hamburger Insolvenzverwalter Burckhardt Reimer übernahm die Geschäftsführung. Nach ersten Aussagen sollte das Schiff verkauft werden. Finanziell bevorrechtigt bedient werden dann zunächst die Fremdkapitalgeber, also die HSH Nordbank. Die Privatanleger müssen laut der Presse einen "Totalverlust" hinnehmen.[3] Im Nachgang wurden Stimmen laut, wie die Stadt Fürth bzw. die Sparkasse Fürth für ein vermeintlich riskantes Geschäft werben konnte bzw. durfte. Bei der Vermarktung der MS Fürth arbeitete das Fürther Unternehmen (HW HanseInvest) zusammen mit der Sparkasse. HW HanseInvest berät Banken, Sparkassen und Investoren und ist spezialisiert auf Immobilien, aber auch auf das Invest bei Flugzeugen und Schiffen. Der Geschäftsführer der HW HanseInvest erläuterte gegenüber der Presse: "Das ist eine Katastrophe, machen wir uns nichts vor... Wir prüfen ob das, was im Prospekt steht, aufgehen kann... das Konzept der MS Fürth war „eigentlich brillant“, trotzdem platzte es. Warum? „Eine Weltwirtschaftskrise, wegen der die gesamte Schifffahrt jetzt schon für sieben Jahre in die Grütze fährt“, ist einzigartig in der modernen Seefahrt und nicht vorhersehbar gewesen."[4]

Auch der Oberbürgermeister Dr. Thomas Jung meldete sich nach der Insolvenz zu Wort. Gegenüber der Süddeutschen Zeitung sagte Jung: "Zwar treffe ihn der finanzielle Schlag nicht existenziell, "aber schmerzhaft ist er schon"." Auf die Frage, warum er als Stadtoberhaupt Werbung für einen Fonds gemacht hatte, antwortete der Oberbürgermeister: "er weiß...um seine Verantwortung, ist aber mit sich im Reinen. Er sei total überzeugt gewesen von den Chancen der Containerwirtschaft, eben deshalb habe er sich selbst finanziell beteiligt. Dass die Weltwirtschaftskrise den Schiffstransport in eine existenzielle Krise reißen würde, sei 2007 nicht abzusehen gewesen. Und ja: Er werbe als OB auch auf Prospekten für das städtische Klinikum Fürth - wohl wissend, dass dort "auch mal was schiefgehen kann".[2]

Im Jahr 2016 beschäftigt die Millionenpleite erneut das Landgericht Nürnberg-Fürth. Bis dahin waren bereits acht verschiedene Verfahren in gleicher Sache verhandelt worden, mit jeweils unterschiedlichen Rechtssprechungen. Vor Gericht war jeweils zu klären, ob die Banken die Anleger ausreichend über die Risiken der Anlage unterrichtet hatten. Der Justizsprecher Michael Hammer gab gegenüber der Presse an: "Grundsätzlich gilt: Ein Schiffsfonds ist eine Unternehmensbeteiligung, die Risiken birgt – bis hin zum Totalverlust wie bei der MS Fürth. Daher gibt es keine „grundsätzliche Entscheidung“ des Landgerichts über „die Sinnhaftigkeit des Anlagemodells“. Stattdessen werde jeder Einzelfall geprüft. Dabei geht es um Glaubwürdigkeit und Fragen wie: Wurde der Kunde „anlagegerecht und anlegergerecht“ beraten? Oder mit anderen Worten: Wurde jemandem, der das Risiko scheut, möglicherweise eine Anlage aufgeschwatzt, die gar nicht zu ihm passte?"[1] Zumindest im aktuellen Fall folgte das Gericht dem Kläger und sprach ihm die Rückgabe der im Fonds eingelegten 20.000 Euro wieder zu. Nicht alle Anleger hätten die gleichen Chancen auf die Rückgabe der Einlage. In einigen Fällen wurden auch Vergleiche zwischen den Anlegern und der Bank getroffen. Wer bis zum Frühsommer 2017 keine Klage einreicht, bekommt definitiv kein Geld mehr. Hier läuft laut Gericht die Verjährungsfrist aus, so dass Klagen nicht mehr zulässig sind.[1]

Technische Daten der MS "Fürth"[Bearbeiten]

  • Schiffstyp: Vollcontainerschiff
  • Baujahr: 2007
  • TEU absolut: 1155, davon 807 an und 348 unter Deck
  • TEU homogen à 14 t: 715
  • Kühlcontaineranschlüsse: 240
  • Länge: 149 Meter
  • Dienstgeschwindigkeit: 19,5 Knoten
  • Treibstoffverbrauch: 38,0 t/Tag
  • Hauptmaschine: MAN B&W Type 7550 MC-C
  • Besatzung: 14 Personen
  • Unter Flagge: Marshall Islands
  • Klassezeichen: A1, Container Carrier, Ice class 1c
  • Gecharter von Reederei: Turkon Line, Istanbul/Türkei
  • Schiffseigner/Beteiligungsgesellschaft: MS "Fürth" Schiffseigentums GmbH & Co. KG, Hamburg/Deutschland
  • Nationaliät: Türkei/Deutschland

Lokalberichterstattung[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. 1,0 1,1 1,2 Johannes Alles: MS Fürth: Millionenpleite beschäftigt das Gericht. In: Fürther Nachrichten vom 25. Juli 2016, online abgerufen 25. Juli 2016 | 8:05 Uhr online abrufbar
  2. 2,0 2,1 Olaf Przybilla: Millionenverluste für Anleger. In: Süddeutsche Zeitung vom 22. Juni 2015, online abgerufen am 25. Juli 2016 8:05 Uhr online abrufbar
  3. 3,0 3,1 Johannes Alles: Das MS-Fürth-Fiasko im Schnelldurchlauf. In: Fürther Nachrichten vom 15. Juni 2016, online abgerufen 25. Juli 2016 | 8:05 Uhr online abrufbar
  4. 4,0 4,1 Johannes Alles: Millionenpleite: Fürther Sparer erleiden Schiffbruch. In: Fürther Nachrichten vom 16. Juni 2015 online abgerufen 25. Juli 2016 | 8:05 Uhr online abrufbar